Nip Tuck
Oberflächlichkeit als Heilmittel
Mit "Nip/Tuck - Schönheit hat ihren Preis" wurde ein weiterer Meilenstein für den aktuellen Serienhype geschaffen. Nachdem bereits mit "Die Sopranos", oder "Six Feed under" neue Wege in Dingen wie moralischer Tiefe, stilistischer Perfektion, oder schauspielerischer Leistung gegangen wurden, versucht "Nip/Tuck" nun aktuellere Themen anzufassen: Von Schönheitswahn, Wirtschaftskrise, oder einfach Burnout-Syndrom ist alles vertreten. Bereits die Pilotfolge vom 22. Juli 2003 stellt den Zuschauer vor (scheinbar) klar beantwortbare moralische Fragen, präsentiert sie jedoch in einem Setting, in dem die Identifikation mit einem eindeutigen Standpunkt nicht mehr möglich ist: Die beiden Schönheitschirurgen Christian Troy (Julian McMahon) und Sean McNamara (Dylan Walsh) führen eine ausnehmend erfolgreiche Beautyklinik. Troy gabelt Kundinnin in Miami's Nachtclubs auf und nimmt ihnen nach exzessiv genossenem Geschlechtsverkehr auseinander, welche körperlichen Mängel er mit "einer kleinen Operation" beheben könnte. Dass die Frauen dabei alle fast perfekte Körper haben, und die "Mängel" nur minimale Asymmetrien bedeuten, macht deutlich, dass sich der Schönheitswahn inzwischen zu einer Sucht entwickelt hat. Und die Schönheitschirurgen sind die Dealer. Sean ist damit gar nicht einverstanden. Seiner Meinung nach sollte die Schönheitschirurgie nur dazu dienen, Menschen mit schlimmen Schicksalsschlägen wieder zu einem "normalen" Leben zu verhelfen. So führt er, wann immer er kann, kostenfreie Operationen durch, um sein Gewissen zu erleichtern. Trotzdem muss er auch dafür sorgen, dass seine Familie den mittlerweile ebenso oberflächlich gewordenen Lebensstil weiterführen kann. Das bedeutet in seinen Verhältnissen teure Sportwagen für seinen Sohn, topaktuelle Damenschuhe für seine Frau, und das schönste Spielzeug für seine Tochter. Deswegen beschließt er, sich beruflich von Troy zu trennen und gründet seine eigene Klinik. Doch auch er muss schnell erkennen: um in der heutigen Welt etwas zu erreichen, braucht man Prestige. Und den bekommt man nur von den Reichen und Schönen. Und da kommt wieder Troy ins Spiel. Sein fast schon dämonisches Auftreten (dunkelroter Anzug, glänzende Herrenschuhe und eine leuchtend blaue Sonnenbrille) scheint auf dieser Bühne perfekt zu funktionieren. Die Superreichen fressen ihm aus den Händen. Sean muss sich belehren lassen: "Gib den Menschen das Gefühl, sie seien nicht perfekt, und sie würden alles dafür tun, um es zu werden." - so Troy wörtlich. Sind also die alten Werthe Mitgefühl & Nächstenliebe inzwischen nicht mehr anwendbar? Ist am Ende der der Gute, der die Menschen am meisten von sich abhängig machen kann?
Der neue Stil
Vielleicht gerade wegen dieser permanenten Außeinandersetzung mit oberflächlichen Werten setzt "Nip/Tuck" einen neuen optischen Stil fest: perfekt auf einander abgestimmte Farben, symmetrische Bildkompositionen, und formvollendete Requisite (schnittige Anzüge, aufreizende High Heels, tiefergelegte Sportwagen, stellen die moralisch höchst verwerflichen Handlungselemente in einen extremen Konrast zu dem Rahmen, in dem sie spielen. Die real dargestellten- und hundertprozentig beobachtbaren Operationen, in denen literweise Blut, Botox und abgesaugtes Fett fließen, setzen ebenso einen krassen Wiederspruch zu der scheinbaren Unfehlbarkeit ihrer Ergebnisse: Was eben noch ein matschiger Haufen aus Fleisch, Knorpel, und Blut war, wird im nächsten Moment zu einer symmetrischen Nase, zwei eliptischen Brüsten, oder zu zarten Wangenknochen. Man ist überfordert von den Bildern, und zugleich fasziniert. Die Hypnose wirkt, und man will auch gar nicht mehr ohne.
"Sagen Sie uns, was Sie an Ihrem Aussehen stört."
Was "Nip/Tuck" unter allen Serien so einzigartig macht, ist die Direktheit, mit der sie den Zuschauer auf die Wiedersprüche unserer Zeit aufmerksam macht. Jede Folge spricht die Urängste (oder Urwünsche) des Zuschauers mit einer so offenen Arroganz an, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Belohnt wurde diese Leistung bereits mit drei Emmy's und einem Golden Globe für die beste Drama-Serie 2005. Nach sechs Staffeln, und etlichen weiteren skurillen OP's, kam "Nip/Tuck" im März 2010 zu seinem fulminanten Ende und ließ nach einer noch nie dagewesenen Zuschauerreaktion, den Großteil aller anderen Serien schlecht aussehen....